Prof. Dr. Thomas Rauschenbach

Ob Medien oder Freunde?
Über oft vergessene Orte der Erziehung


1.
Der bisherige Weg der innerfamilialen und lebensweltlichen Weitergabe von Werten, Haltungen, Kompetenzen an die nachfolgende Generation in Form von „Alltagsbildung“ – ergänzt durch die geplanten Formen von Bildung, Betreuung und Erziehung in Kindergarten und Schule – erweist sich in Anbetracht des beschleunigten sozialen Wandels immer deutlicher als unzureichend.
 
2.
Der Zuwachs an individuellen Gestaltungs- und Freiheitsgraden in der heutigen Gesellschaft kann als Gewinn und Verlust zugleich umschrieben werden. Mit dem Zugewinn an individuellen Gestaltungsoptionen geht ein Verlust an Normierung, an Gewissheiten, an habitueller Ordnung sowie verbindlichen Wertorientierungen einher. Die vorgefertigten Geländer der Lebensführung wurden abgebaut.
 
3.
Mit Blick auf das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen haben neben Familie und Schule weitere Orte und Akteure an Einfluss gewonnen. Erziehung ist so, trotz der verfassungsrechtlich verbrieften Rechte und Pflichten der Eltern, immer mehr zu einem nicht eindeutig zuzuordnenden Geschehen, zu einer „Tat ohne Täter“ geworden.
 
4.
Zu faktisch bedeutsamen Akteuren, zu stillen Miterziehern, sind dabei längst die Gleichaltrigen und die Medien geworden. In vielfach nichtintendierter Nebenwirkung prägen und beeinflussen sie – positiv wie negativ – das Denken und Handeln, die Werte und Normen, das Verhalten und die Einstellungen von Heranwachsenden zum Teil erheblich.
 
5.
Die Reaktion der Gesellschaft auf die neue Gemengelage einer diffusen, pluralen Erziehungsgesellschaft ist gespalten. Während die einen für verbesserte Formen der sozialen Kontrolle mit Blick auf die unerwünschten Einfluss- und Stichwortgeber plädieren und für die Wiedergewinnung der Definitionshoheit über das Erziehungsgeschehen durch die Erziehungsverantwortlichen eintreten, setzen die anderen in Anbetracht der Macht des Faktischen auf die Erziehung zur Mündigkeit. Beide Strategien müssen mit den ungewissen Wirkung und Nebenwirkungen ihrer Wege leben.
 
6.
Medien und Freunde als informelle Lern- und Erziehungswelten sind Risiko und Chance zugleich. Sie sind eine Form „unsichtbarer“, intimisierter Bildungs- und Erziehungsprozesse, da sie ungefiltert und öffentlichkeitsabgewandt auf Kinder und Jugendliche einwirken. Auf der einen Seite eröffnen sie durch ihre Unstrukturiertheit zusätzliche Potenziale und Gelegenheiten jenseits der offiziellen Bildungs- und Erziehungsakteure, allerdings auf der anderen Seite um den Preis, dass sich Inhalte und Formen der Einflussnahme durch Dritte nicht kontrollieren lassen.
 
7.
Insbesondere bei den neuen Medien, z.B. interaktiven sozialen Netzwerken des Web 2.0, werden Kinder und Jugendliche von reinen Medienrezipienten zu eigenen Medienproduzenten. Diese virtuelle Welt ist vielen Eltern jedoch fremd und ihrem Zugriff in den meisten Fällen völlig entzogen. Dies erfordert ein hohes Maß an Verantwortung bei den Betreibern solcher Netzwerke, es verlangt bei Kindern und Eltern eine ausgeprägte Medienkompetenz und strukturelle Möglichkeiten der Medienkontrolle.
 
8.
Eine vollständige Kontrolle über das Erziehungs- und Bildungsgeschehen ist in einer offenen, pluralen Gesellschaft jedoch weder denkbar, noch wünschbar. Infolgedessen ist es unabdingbar, Kinder und Jugendliche zu einem eigenverantwortlichen Umgang mit Bildungs- und Lerngelegenheiten zu befähigen, sie mit eigener Urteilskraft auszustatten. Das kann aber nur gelingen, wenn man sie frühzeitig als Ko-Produzenten ihrer eigenen Bildungs- und Erziehungsprozesse versteht und ernst nimmt, sie aktiv einbezieht. Der Erziehungsauftrag erweitert sich damit von der Familie auch auf die öffentlichen Bildungspartner, die private Verantwortung muss durch eine öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen ergänzt werden.

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