Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann

Erziehen als Herausforderung


Sehr geehrte Damen und Herren,

Erziehen ist in der Tat eine Herausforderung. Ich habe selbst vier Kinder groß gezogen, die heute erwachsen sind und kann nur sagen - das ist eine Anforderung, von der es manches Mal gut ist, vorher nicht so genau zu wissen, was auf Eltern zukommt. Erst schläft der Mensch nicht, weil die Kinder Hunger haben oder zahnen, später, weil sie vor Schulsorgen nicht einschlafen können und schließlich, weil sie nicht nach Hause kommen zur verabredeten Zeit.

Ich finde nicht despektierlich, sich eine Sendung wie die Supernanny anzuschauen. Gewiss kann kritisiert werden, dass Kinder in ihrem Fehlverhalten vorgeführt werden. Aber die Sendung hat auch ein Bewusstsein erzeugt für die Herausforderungen der Erziehung. Zum einen gibt es offenbar keine klaren Regeln mehr. Eltern selbst fühlen sich überfordert. Dass eine Familie gemeinsam eine Mahlzeit einnimmt, Menschen sich an einen Tisch setzen, beim Essen kommunizieren etwa, ist vielerorts abhanden gekommen. Dass Erziehung Regeln beinhaltet und auch - gewaltfreie - Sanktionen bei Nichteinhaltung der Regeln scheint in Vergessenheit geraten. Und manche Eltern scheinen auch vergessen zu haben, dass es eine Erziehungspflicht gibt. Sie delegieren die Erziehungsleistung schlicht an andere. Eine Karikatur hat das sehr plakativ dargestellt. Die Eltern sitzen auf dem Sofa, er mit Bierdose, sie mit Fernsehtastatur. Vor ihnen rennt kreischend ein Kind im Kreis. Sagt die Mutter: "Du, der benimmt sich in letzter Zeit so merkwürdig." Darauf der Vater: "Macht nichts, er kommt ja bald in die Schule."

Aber können wir so einfach nur den Eltern die Schuld geben. Kürzlich habe ich einen landwirtschaftlichen Betrieb besucht und der Vater des Landwirts sagte: "Was haben die jungen Frauen nur für Probleme. Wenn wir früher aufs Feld mussten, haben wir die Kinder einfach so lange in den Garten gesperrt!" Heute hätte er wahrscheinlich mit einer Anzeige wegen Kindesvernachlässigung zu rechnen. Und seine Kinder kannten auch weder Fernsehen noch Internet.

Ich bin in diesem Jahr fünfzig geworden, da wird der Mensch langsam nostalgisch. Mein Vater hat 1969 zur Mondlandung einen Fernseher angeschafft. Es gab zwei Programme, die begannen erst um 16 Uhr. Um 24 Uhr wurde die Nationalhymne abgespielt und es folgte ein Standbild. Medienpädagogik war von Eltern schlicht nicht gefordert. Heute haben es Eltern wesentlich schwerer, zu erziehen, und viele geben sich unendlich viel Mühe, ohne dafür honoriert zu werden! Es wird viel Erziehungsleistung erbracht in diesem Land.

Mir liegt daran, dass wir mehr Mut machen zum Kind. All die Debatten können doch junge Leute oft nur verschrecken, überhaupt Kinder zu bekommen. Und vor allem junge Frauen sind in einem ständigen Dilemma: haben sie Kinder und bleiben zu Hause, um sie bewusst zu erziehen, gelten sie als "Heimchen am Herd". Versuchen Sie Berufstätigkeit und Mutterschaft zu verbinden, sind sie "karrierefixierte Zicken". Haben sie mit 40 noch keine Kinder, vielleicht, weil der Partner fehlt, vielleicht, weil es nicht klappt mit der Schwangerschaft, werden sie inzwischen scheel angesehen. Wie soll da Mut zum Kind entstehen?

Dabei ist mir folgender Gedanke wichtig: Ein afrikanisches Sprichwort sagt: "It takes a village to raise a child!"  Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Das muss unsere Gesellschaft neu lernen. Ja, Eltern schenken die Gene. Sie legen auch Glaubensfundamente, vermitteln Werte und eine Lebenshaltung. Das ist eine ungeheuer große Verantwortung. Eine enorme Leistung. Und eine wunderbare Aufgabe. Aber auch die Menschen ohne Kinder oder die Älteren, die schon Kinder erzogen haben, leisten einen unschätzbaren Beitrag. Die "Meme" - die Kultur, das Gedächtnis, die Bildung einer Gesellschaft sind hiermit gemeint. Der Zoologe Clinton Richard Dawkins hat sie parallel zu den Genen gestellt. Er führte den Begriff Mem für den Bereich Kultur analog zum Gen in der biologischen Evolution ein. Wir alle tragen dazu bei, Kindern in unserem Land diese Meme mitzugeben, ob wir Kinder haben oder nicht.

Deutschland ist nicht nur ein Land arm an Kindern. Nein, in unserem reichen Land sind auch viele Kinder arm.

- 16,3 % aller Kinder in Deutschland gelten als arm,
- Seit Einführung des ALG II hat sich die Zahl, der auf Sozialhilfe oder Sozialgeld angewiesenen Kinder, auf mehr als 2,5 Millionen verdoppelt. Jedes 6. Kind unter 15 Jahren ist auf Sozialhilfe angewiesen (1965 jedes 75. Kind!!!)
- Jedes dritte Kind fühlt sich in der Schule gehänselt, vor allem wegen Übergewicht, Kleidung und Frisur...
Gleichzeitig wissen wir: Sozial benachteiligte Kinder
- Ernähren sich ungesünder
- Bewegen sich weniger
- Bleiben immer häufiger in isolierten Wohnvierteln unter sich
- Besuchen keine weiterführenden Schulen
- Haben nur mangelhafte Ausbildungschancen
- Haben keine ausreichend soziale Unterstützung

Es geht um Netzwerke. "Dieses Kind braucht Deutschland" meint: Wir brauchen jedes Kind, jedes Kind braucht uns. Keines soll verloren gehen. Der renitente Junge, der die KiTa auf den Kopf stellt, das junge Mädchen, das an Magersucht leidet, die vermeintlich coole Jugendliche, die kifft, der etwas abgedrehte Hauptschulabbrecher - sie sind wertvoll! Gott weiß das, er liebt sie ja ohnehin. Aber sie sollen spüren: Wir brauchen dich. Du bedeutest uns etwas. Wir wollen für dich da sein. Als ich die Berichte Jugendlicher über ihr Freiwilliges Soziales Jahr gelesen habe, hat mich am meisten erschüttert: Viele haben erzählt, sie hätten zum ersten Mal gespürt, dass jemand sie braucht! Da läuft etwas sehr falsch, wenn junge Leute in unserem Land den Eindruck haben: wir brauchen euch nicht.

Vielleicht können wir von diesen Überlegungen her deutlich machen, was das Engagement für Kinder in unserem Land bedeutet: Ja, es geht um die biologischen Eltern, um Eltern insgesamt, die ihre Kinder bewusst erziehen. Aber es geht auch um die Haltung einer Gesellschaft insgesamt, die ihre Zukunft auf Kinder baut. Wer nur Börsenkurse im Blick hat, kann tief fallen. Aber wer im eigenen Leben an kommende Generationen denkt, als Nachbarin oder Lehrer, als Ausbilderin oder Pastor, als Erzieherin oder Pate lebt wahrhaftig nachhaltig. So spielen Elternschaft und gesellschaftliches Engagement für Kinder ineinander und nicht gegeneinander. Gemeinsam geben wir die Meme weiter, den Glauben, die Kultur, die Werte, die wir selbst ererbt haben von unseren leiblichen und geistlichen Vätern und Müttern.

Unsere egomanische, ökonomiefixierte Gesellschaft lernt gerade ganz neu: die Zukunft liegt im Verletzbaren, im Kind. Das ist christlich gesehen die zentrale Lektion. Selbst Gott kommt als Kind verletzbar zur Welt. Die Zukunft der Menschheit, so glauben wir, wird in dem Kind, das in Bethlehem geboren wurde, sichtbar.
Nun haben Sie eine Bischöfin zu diesem Podium eingeladen, da mussten Sie damit rechnen, dass ich eine zentrale These einbringe: Kinder brauchen Religion. Lassen Sie mich das in sechs Punkten kurz ausführen:

- Biblische Geschichten geben Halt und Orientierung

Wenn es in der Bibel heißt: "der Gott deines Vaters Isaak", dann wussten offenbar alle, welcher Gott gemeint war. Wenn bei uns heute jemand vom "Gott deines Vaters Jürgen" oder vom "Gott deiner Mutter Monika" spricht, werden die Kinder ins Grübeln geraten. Sollte der ominöse Fußballgott gemeint sein? Oder vielleicht der Geiger André Rieu?

Mir ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche selbst Zugang zu diesen Geschichten finden. Da geht es um Glauben, aber auch um Beheimatung in der eigenen Kultur. Architektur, Literatur, Kunst in Deutschland sind ohne jede Bibelkenntnis gar nicht zu verstehen. Luther war es ein zentrales Anliegen, dass Menschen selbst nachlesen können, sich eine Meinung bilden in theologischen Fragen wie in Gewissensfragen. Die Verantwortung des Einzelgewissens war für ihn von fundamentaler Bedeutung.
In Deutschland erzählen wir nicht mehr. Die biblischen Geschichte, die uns verbinden, werden nicht weiter getragen. Da spricht ein Redner wortstark vom Damaskuserlebnis, und ich kann den Zuhörenden geradezu ansehen, dass sie mehrheitlich keine Ahnung haben, was er damit meint. Wie traurig aber, wenn ein Kind nie etwas gehört hat von Josef etwa, der ein bisschen verwöhnt und hochnäsig war, der brutal verraten wurde, aber einen Weg fand im Leben, weil er sich Gott anvertraute. Wie gut zu wissen, dass in dieser Familie Versöhnung möglich war.

Die Erziehungswissenschaftlerin Sigrid Tschöpe-Scheffler führt die Unsicherheit vieler Eltern in der Erziehung darauf zurück: "Sie managen, planen, kontrollieren - und erleben trotzdem, dass es keinen Anspruch auf Glück und Gelingen gibt. Ein (anderer) Grund dafür ist wahrscheinlich der, dass wir heutzutage zu wenig gute Erzählungen von gelungenem Leben in uns tragen, wie sie zum Beispiel die Bibel oder Märchen vermitteln: In jeder dieser Geschichten gibt es Krisen, die bewältigt werden müssen, am Ende gehen sie aber gut aus. Vielen Eltern fehlt das Grundvertrauen ins Leben, das in diesen Erzählungen zum Ausdruck kommt."

Es ist ein Verlust an Gemeinschaft, Tradition und Kultur, dass in unserem Land der gemeinsame Erzählfaden abgerissen ist. Wir müssen Geschichten, gerade auch die biblischen Geschichten weitererzählen.

- Beten eröffnet neue Horizonte

Auch wenn in unserem Land die Säkularisierung unübersehbar ist, denke ich grundsätzlich: Kinder brauchen Religion. Wo können Kinder heute ihre existentiellen Fragen stellen? Viel zu oft werden sie schlicht "abgebügelt".

Während des Kirchentages in Hannover 2005 hatten wir ein Kinderzentrum eingerichtet. Kinder konnten ihre Fragen stellen, und Erwachsene mussten Rede und Antwort stehen. Offen gestanden fand ich die Stunde dort anstrengender als so manches Podium. Ein Kind fragte: "Was macht Gott mit den bösen Menschen?" Ein anderes zeigte mir seine von Neurodermitis gezeichneten Arme und sagte: "Warum macht Gott mich denn nicht gesund?" Und ein kleiner Junge sagte: "Weißt du denn, wo mein Opa jetzt ist, ich habe ihn so lieb gehabt!"

Kinder und Jugendliche haben tiefe und religiöse Fragen. Ich finde, es ist ein Armutszeugnis, wenn sie abgespeist werden mit einem lapidaren "Weiß nicht!". Viele Eltern meinen offenbar, sie selbst hätten zu wenig Antworten, seien nicht kenntnisreich genug in Sachen Glauben. Und deshalb delegieren sie die religiöse Erziehung an die Kindertagesstätte oder die Schule oder sagen schlicht: "Mein Kind soll selbst mal entscheiden, welche Religion es haben will, ich habe damit nichts zu tun." Aber ein Kind muss doch erst eine Religion kennen lernen, um sich dann eines Tages dafür oder dagegen entscheiden zu können. Es einfach ohne Antwort zu lassen, die Erziehung in Sachen Religion zu delegieren, ist inakzeptabel, finde ich. Ein gebildeter Mensch muss sich einmal im Leben mit den großen Fragen des "Woher komme ich, wohin gehe ich?" mit der Transzendenz, mit der Gottesfrage und der Religion beschäftigt haben, ob er nun gläubig ist oder nicht.

Mit einem Kind und Jugendlichen diesen Gesprächsfaden der existentiellen Fragen aufzunehmen, das ist eine wunderbare Erfahrung für alle, die erziehen. Denn so eine Frage nach Leben und Tod, nach Gott und der Welt, die lässt sich ja nicht mal eben schnell beantworten. Sie ist der Beginn eines gemeinsamen Nachdenkens, eines Weges von Fragen und Zweifeln, von Suchen und Finden. Eigentlich stellen die Kinder ja unsere eigenen Fragen. Nur trauen wir uns nicht, sie derart direkt zu stellen. Deshalb sind die Fragen der Kinder und Jugendlichen immer auch Fragen an uns selbst: Was glauben wir? Wo stehen wir? Sie sind eine Chance, die existentiellen Fragen nicht auszublenden, sondern offen anzunehmen, nicht vor ihnen wegzulaufen und sei es vor den Fernseher, sondern sich Zeit dafür zu nehmen. Dabei möchte ich Eltern und allen, die erziehen, Mut machen zur Antwort. Wir müssen ihnen doch in so vielen Fragen Orientierung geben, das gilt auch für die Religion.

Allein das Wissen um die Möglichkeit einer Gottesbeziehung halte ich für entscheidend. Da ist ein anderer, an den du dich wenden kannst. Du kannst zu Gott beten, selbst wenn alle anderen dich zu verlassen scheinen. Das zu wissen, ist für viele Kinder und Jugendliche geradezu eine Befreiung. In einem Buch mit ihren Gebeten wird das auf bewegende Weise erkennbar. Das sind keine niedlichen Gebete nach dem Motto "Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm". Nein, das ist ganz oft ein existentielles Ringen, das zeigt wie ungeheuer wichtig es für junge Menschen ist, dass sie beten lernen, dass sie wissen: Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Und selbst, wenn es Streit mit Eltern gibt, wenn es Angst gibt, weil ich Fehler gemacht habe oder wenn ich mich anderen nicht mitteilen kann, dann ist Gott da und hört mir zu. Gott ist keine Maschine, die Wünsche erfüllt. Aber Gott geht es tatsächlich um mich. Wie wichtig ist es, diesen Ansprechpartner zu haben! Wissen wir eigentlich, wie viele Ängste und Sorgen Kinder und Jugendliche haben? Kindheit und Jugend sind kein großer Spaß.

- Kinder brauchen Rituale

Neben den Geschichten des Glaubens und dem Beten sind es für mich die Rituale, in die Kinder hineinwachsen sollten. Für Kinder haben Rituale eine große Bedeutung, ja sie lieben Rituale, und Rituale prägen sie und ihre Erinnerung an die Kindheit auch als Jugendliche. Da können Eltern so viel gestalten!

Vor allem mit Blich auf Sterben und Tod sind Rituale wichtig. Als ich die Kinderfragen gelesen habe, war ich berührt, wie viele Fragen nach dem Lebensende und darüber hinaus sind. Unsere Gesellschaft verdrängt den Tod ja geradezu panisch. Alle wollen alt werden, aber niemand will alt aussehen. Alle haben Angst vor Krankheit und Tod, aber niemand spricht darüber. Deshalb fühlen sich viele Alte, Kranke und Sterbende auch so einsam und abgedrängt. Wir als Erwachsene müssen uns mit dem Tod auseinandersetzen und sollten Kindern eine Gelegenheit geben, es ebenfalls zu tun. Das gilt auch für Jugendliche, von denen viele sich intensiv mit der Todesfrage auseinandersetzen bis hin zu Suizidgedanken.

Eine Hinführung zum Tod kann der Besuch eines Friedhofs sein. "Heimat ist da, wo ich die Namen der Toten kenne", hat Fulbert Steffensky einmal gesagt. Das hat mir sehr gefallen. Wir verscharren unsere Toten nicht irgendwo in einer Ecke, wir verstreuen ihre Asche nicht anonym, wir behalten ihre Namen im Gedächtnis und haben auch einen realen Ort für ihn, weil wir glauben, dass auch Gott ihre Namen ins Buch des Lebens geschrieben hat. Auf einem Friedhof können wir das selbst gut erfahren und Kindern und Jugendlichen zeigen. Wir können an den Grabsteinen sehen, wie kurz oder wie lang ein Leben war, auch bei Fremden. Und bei eigenen Familienmitgliedern oder Menschen, die wir kannten, erzählen, wer das war, welche Erinnerungen wir haben. Wir können die Geschichten vom Leben und Sterben aus unseren Familien oder von Freunden erzählen, die wir kennen. Das zeigt: Wir vergessen die Toten nicht, sie bleiben ja Teil unseres Lebens. Wir erinnern die Namen und haben Orte der Trauer.
Ich finde es merkwürdig, dass Kindern in unserem Land zugemutet wird, vor ihrem 14. Lebensjahr durchschnittlich 18.000 (!) tote oder sterbende Menschen im Fernsehen zu sehen, aber dann heißt es, zu einer Beerdigung könnten sie nicht mitgenommen werden.

Rituale helfen uns, der Trauer Formen zu geben, sie zu bewältigen. Das habe ich auch erlebt, wo Kinder gestorben sind und den Freundinnen und Freunden, den Mitschülern die Möglichkeit gegeben wurde, den Abschied mitzugestalten. Kerzen anzünden, Gebete sprechen, Briefe der Erinnerung schreiben oder Blumen ins oder auf das Grab legen: Das sind einige der Formen, die auch Kindern helfen, Abschied zu nehmen. Und manche erfinden sie vielleicht auch ganz neu für sich selbst.

- Kinder brauchen Lieder

Vor einiger Zeit titelte der Spiegel "Das Jaulen der Trauerklöße. Die Deutschen verlernen das Singen." Wie wahr, können wir in diesen Lamentogesang nur einstimmen. Die WM hat zumindest die Nationalhymne wieder bekannt gemacht, auch wenn sie im Stadion nicht immer schön klingt. Ich erinnere mich gut an den Abiturgottesdienst meiner Zwillingstöchter, als eine mich anraunzte: Sing doch nicht so laut, das ist ja peinlich. Dann wurde klar: Ich war fast die Einzige, die sang, außer der Pastorin...
Singen aber ist Teil von Bildung! Geradezu absurd scheint mir der Trend, nun schon in der Schwangerschaft Musik zu hören, um das im Mutterleib wachsende Kind zu bilden, dann aber mit dem eigenen Kind nicht zu singen. Wie viel Kultur in der Familie geht da verloren! Und wie viel Freude am Miteinander.

Das Singen neu lernen, das muss uns ein Anliegen sein, weil, wie der Musikwissenschaftler und Gesangspädagoge Karl Adamek das formuliert hat, ¿die Seelen verstummen¿, wenn das Singen bedroht ist. Menschen, die singen, sind nachgewiesenermaßen psychisch und physisch gesunder. Selbst die FAZ hat darauf hingewiesen, dass die Folge verkümmerter Stimmbänder bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland inzwischen messbar sei (29.5.05). Kurzum: ich kann dem Verband
Evangelischer Kirchenchöre nur zustimmen, wenn er erklärt: "Eine Antwort auf Pisa: Singen". Worte zu kennen, die andere vor uns geformt haben, kann so unendlich hilfreich sein, wenn wir selbst verstummen vor Kummer oder vor Glück. ¿Befiehl du deine Wege¿ anstimmen zu können oder ein Jubellied zu singen, gibt der Sprachlosigkeit Form und Halt.

- Vorbilder gesucht

Kinder und Jugendliche suchen Orientierung an Erwachsenen. Sie wollen wissen, was Erwachsene glauben, wo sie Halt haben, um für sich selbst einen Weg zu finden in Identifikation oder auch Abgrenzung. Dabei müssen die Vorbilder nicht immer gleich Heilige sein. Aber erkennbar sollten sie sein mit ihren Schwächen und Stärken.
Meine Großmutter hatte offensichtlich für jede Lebenslage einen Bibelvers parat. Wenn es Ärger und Auseinandersetzungen gab, hieß es: "'Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen' schrieb schon der Apostel Paulus an die Epheser!" Ach, was konnten wir dagegen schon sagen? Gab es Streit mit den Eltern, wurde das Vierte Gebot herbeigeholt. Ich erinnere mich, dass ich mit meiner Cousine einmal am Karfreitag ins Kino gehen wollte. Nichts da: "Du sollst den Feiertag heiligen!" Eben dieses Gebot konnte sie allerdings auch zitieren, wenn es an ihrem Geburtstag Windbeutel mit Sahne gab.

Ja, das konnte schon anstrengend sein. Nervend fanden wir das manchmal, überfromm. Und fordernd konnte sie auch sein, sie hat das Vierte Gebot durchaus in An-spruch genommen, etwa gegenüber meiner Mutter, die sie pflegte, als sie älter wurde. Und wenn meine Mutter sich kritisch äußerte, dass "unsere Omi", wie wir sie nannten, gerne abends ein Glas Rotwein trank, wusste sie sich auch biblisch zu verteidigen - mit Bezug auf die Hochzeit zu Kana: "Unser Herr Jesus hat auch gerne Wein getrunken..."

Sie war kein perfekter Mensch. Wie wir alle hatte sie ihre Fehler und Schwächen. Manchmal brauchten wir Nachsicht, wenn sie dem einen Enkel etwas zusteckte unter der Maßgabe größter Verschwiegenheit und herauskam, dass sie beim anderen eben dasselbe tat. Sie war offen für Gespräche über Gott und die Welt, und sie hatte einen Standpunkt, der ihr offensichtlich geholfen hat, zwei Weltkriege durchzustehen, die Verschleppung des Ehemannes, die Flucht aus Hinterpommern, den Neuanfang mit Kindern und Enkeln in Hessen. Das hat mir imponiert. Sie hat im christlichen Glauben Halt gefunden, warum sollte das nicht auch Halt für uns bieten? Diese Vorbildfunktion in Glaubensfragen sollten wir nicht unterschätzen. Ja, auch heute suchen Kinder und Jugendliche erwachsene Menschen, an denen sie sich orientieren können durch Identifikation oder Abgrenzung. Das ist eine hohe Verantwortung für uns alle, denn die Enttäuschung durch Vorbilder wiegt schwer.

- Religiöse Erziehung ist Werteerziehung

Was Jesus als das höchste Gebot überlieferte: "Du sollst Gott über alle Dinge lieben und deinen Nächsten wie dich selbst", wird hier als Lebenshaltung eingeübt. Rechenschaft für mein Tun, Selbstvergewisserung und Sorge für andere kommen zu-sammen. Da der oder die andere ebenso wie ich selbst als Gottes Ebenbild angesehen werden, steht seine oder ihre Würde nicht in Frage. Ja, da mag es Streit und Auseinandersetzung geben, das ist normal. Aber die Würde jedes Menschen wird sozusagen mit der christlichen Erziehung verinnerlicht.

Neben der grundsätzlichen Gottes- und Menschenbeziehung geht es vor allem um Verantwortung und Freiheit. Zuallererst sind die Zehn Gebote zu nennen. Sie geben ein Grundraster von Regeln für ein gutes Leben vor. Vater und Mutter ehren, nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht lügen und sich nicht in Neid zerfressen, das sind Geländer sozusagen für ein gelingendes Miteinander. Werte vermitteln kann ich allerdings nur, wenn ich selbst auch zu diesen Werten stehe. Ich kann nicht "Du sollst nicht stehlen" als Gebot erläutern und dann den Bademantel aus dem Hotel mitnehmen. Und ich kann nicht von der Würde jedes Menschen sprechen und dann den Nachbarn als "blöden Idioten" beschimpfen. Wenn mir aber doch solche "Fehltritte" passieren, müsste ich offen eingestehen, dass das falsch war. Auch das Eingestehen von eigenem Scheitern nicht als Schwäche, sondern als Stärke zu zeigen, ist Werteerziehung.

Insofern sind die Gebote Regeln für ein gutes Miteinander, die Kindern ein Wertegerüst mit auf den Weg geben. Sie sind nicht Verbote, sondern Gebote für ein Miteinander in Freiheit und Verantwortung. Kinder und Jugendliche mögen gegen diese Regeln verstoßen, sie vielleicht in einer anderen Phase in ihrem Leben auch über Bord werfen. Aber doch bleiben sie tief verwurzelt. Wahrscheinlich ist Gelassenheit das richtige Stichwort, gerade, wenn Kinder ausbrechen aus den Wertehaltungen, die ihre Eltern ihnen mitgegeben haben. Denn ich bin überzeugt, diese Haltungen werden sie ein Leben lang begleiten und prägen.

Aber es sind ja nicht nur das höchste Gebot und die Zehn Gebote, die ein Geländer für das Leben vorgeben. Ich denke, christliche Erziehung bedingt eine Lebenshaltung, die sich in vielen Bereichen zeigt. Da ist das bereits genannte Menschenbild, jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. Da ist die realistische Einschätzung, dass Menschen verführbar sind und oft größenwahnsinnig, wie schon beim Turmbau zu Babel. Das ist nicht neu, so sind die Menschen. Und trotzdem gibt es immer wieder einen Neuanfang, ist Vergebung möglich nach einem Scheitern, kann Versöhnung geschehen, weil auch Gott Versöhnung praktiziert. Nächstenliebe kann für Kinder ein sehr praktisches Ringen sein - wobei, für Erwachsene ja durchaus auch! Ein Umgang mit eigenem Scheitern, etwa in der Schule (was viele Kinder belastet!), der das Kind nicht zum Versager abstempelt, ist von großer Bedeutung.

Wichtig ist mir: Christsein meint nicht ein Leben als Trauerkloß! Gerade umgekehrt sollte es sein. (Nietzsche) Wir glauben ja nicht an einen Toten, sondern an den Auferstandenen. Mir gefällt in diesem Zusammenhang der biblische Begriff der Haushalterschaft. Wir sind sozusagen Haushalterinnen und Haushalter Gottes. Die Erde ist uns anvertraut, damit wir sie hegen und pflegen und weitergeben an kommende Generationen. Das stellt uns in eine verantwortliche Position. Auch ein Kind hat Verantwortung und wächst an diesem Verantwortungsbewusstsein als ein Glied in der Reihe durch die Jahrhunderte und um den ganzen Erdball herum.

Schließlich führt solcher Glaube zu einem mündigen Blick auf die Wirklichkeit und zu Engagement in der Welt. Mehr als jede Generation zuvor wird die jetzt heranwachsende vor enorme ethische Entscheidungen gestellt sein. Das Individuum muss Stellung beziehen, wo alte Wertvorstellungen ihre Selbstverständlichkeit verloren haben. Ich denke an Fragen der Gentechnologie, der Fortpflanzungsmedizin, der Sterbehilfe, der Energiegewinnung. Deshalb brauchen Kinder klare eigene Wertvorstellungen, die ihnen helfen, eine klare Grundhaltung zu finden, nicht auf sich selbst fixiert zu bleiben, sondern standhaft Position zu beziehen. (NPD)

Christliche Erziehung ist Werteerziehung, sie gibt Kindern Orientierung und stattet sie mit eigenem Urteilsvermögen aus.

Insofern, wenn Sie mich Fragen nach der Herausforderung der Erziehung, so ist für mich die Beheimatung in der christlichen Tradition, der entscheidende Gedanke der Freiheit und das daraus resultierende Verantwortungsbewusstsein von elementarer Bedeutung.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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