Die Rekonstruktion des Schachtürken im HNF

Großer Andrang herrschte bei der ersten öffentlichen Vorführung im HNF.
Großer Andrang herrschte bei der ersten öffentlichen Vorführung im HNF.

Es gab keine Baupläne oder exakten Beschreibungen: Die Rekonstruktion des 1854 verbrannten Schachtürken erforderte einiges an Recherchen und handwerklichem Geschick. HNF-Kurator Dr. Stefan Stein hatte die Idee, den Türken wieder zum Leben zu erwecken. Er machte die Quellen ausfindig, die HNF-Restaurator Bernhard Fromme nutzte, um den Automaten nachzubauen. Etwa anderthalb Jahre dauerte es bis zur Fertigstellung, wobei der Nachbau für alle Beteiligten ein Projekt neben anderen war.

Einziger Nachbau in Europa

Der Schachtürke des HNF ist der einzige vollständig funktionierende Nachbau in Europa. Ein weiterer soll in Los Angeles stehen, über dessen Funktion allerdings nichts näheres bekannt ist.
 
Da keine konkreten Beschreibungen existieren, musste Bernhard Fromme seine mechanischen Kenntnisse einbringen und einiges ausprobieren, um die Funktion des Greifens zu ergründen. Die Lösung war ein Pantograph („Storchenschnabel“), der die Bewegungen des inneren Schachspielers mit Hilfe einer Hebelmechanik auf den Arm des Türken überträgt. Diese Technik hat mit Sicherheit auch Kempelen angewandt.

Magnete und Stifte

Ein weiteres Kernproblem bestand darin, dem Spieler im Inneren die Züge des Schachspielers außen zu übermitteln. Mit Hilfe von Magneten in den Figuren und kleiner Stifte an der Unterseite des Schachbretts kann der Spieler im Türken dem Spielverlauf folgen. Eine Lösung, wie sie auch Kempelen einsetzte.
 
Die gesamte Konstruktion und Mechanik entstanden in den Werkstätten des Heinz Nixdorf MuseumsForums. Lediglich die Holzarbeiten führte die Paderborner Tischlerei Wippermann aus. Eine Theaterschneiderin fertigte das Kostüm; eine Requisiteurin ließ das Gesicht nach historischen Vorlagen wiedererstehen. Die Maße des Kastens betragen in Zentimetern: 150 breit, 95 hoch, 90 tief. Die Figur des Türken ist etwa lebensgroß.

Vorläufer des Schachcomputers

Der Schachtürke wird in Zukunft seinen Platz in der Dauerausstellung des HNF im Bereich der „Frühen Automaten“ finden. Zuvor wird er allerdings für einige Wochen als herausragendes neues Exponat im Foyer zu sehen sein.
 
Der Schachtürke nimmt einige Themenfelder vorweg, die in den neuen Ausstellungsbereichen des HNF eine Rolle spielen. Bereits zu seiner Zeit regte er die Diskussion über „Künstliche Intelligenz“ an. Kann eine Maschine intelligenter sein als der Mensch? Ähnliche Fragen stellen sich heute angesichts des Fortschritts in der Informatik und Robotik. Damit reiht sich der Schachtürke in die Präsentation des HNF zur Künstlichen Intelligenz und Robotik ein. Zudem kann er als Vorläufer der Schachcomputer aufgefasst werden, die im neu gestalteten 2. Obergeschoss des HNF zu sehen sind.