Weihbischof Prof. Dr. Reinhard Marx

Glaube in der Wissen(schaft)sgesellschaft

 

0.   Der Mensch - Mehr als Chemie?

"Mensch - Natur - Technik" - Mit diesem doch recht anspruchsvollen und umfassenden Motto ist die Weltausstellung in diesem Jahr in Deutschland angetreten. Gerade im Übergang zum dritten Jahrtausend erschien eine zukunftsweisende Klärung und Verhältnisbestimmung der drei Leitbegriffe Mensch, Natur und Technik wichtiger und notwendiger denn je. Die Weltgesellschaft steht ohne Zweifel vor schier unüberwindbaren Herausforderungen und - so erweckt zumindest das Motto der Weltausstellung Expo den Anschein - in Hannover sollten inhaltliche Antworten auf brennende Fragen der Zeit zur Diskussion gestellt werden. Wendet man sich zielstrebig dem Themenpark zu, und als Theologe interessiert mich natürlich besonders die Halle Mensch, wird man mit einem Sammelsurium an Vitrinen und Kurzinformationen konfrontiert, die einen roten Faden bzw. eine zentrale Fragestellung vermissen lassen. Auf der Suche nach dem, was den Menschen als Mensch auszeichnet, was seine Zukunft in einer weiter zusammenwachsenden Welt bestimmen soll, wie menschliches Leben nachhaltig gelingen kann, werden weitaus mehr Fragen aufgeworfen, als daß auch nur ansatzweise der Versuch unternommen wird, konstruktive Antwortvorschläge zu unterbreiten.

Gönnt man sich abschließend noch die Fahrt mit einer Bahn durch die obere Sphäre der Themenhalle Mensch, wird einem mittels überdimensional großer Kopfhörer mehrfach eingeflößt: "Der Mensch ist Chemie!" Unabhängig davon, daß es natürlich ein großer Chemiekonzern ist, der die Reise durch die Problemwelt Mensch gesponsert und damit die Ökonomisierung der Thematik in aller Deutlichkeit zu Tage treten lassen hat, stand für mich am Ende unweigerlich die Frage im Raum, welchen inhaltlichen Anspruch das Projekt Weltausstellung hinsichtlich des Menschen verkörpert. Es ist hier nicht der Ort, über die Expo, schon gar nicht über ihre Gesamtkonzeption, zu urteilen. Ob 'Top' oder 'Flop' haben andere zu entscheiden. Nichts desto trotz scheint die Expo, so mein Eindruck, in Bezug auf das Thema Mensch auf der Woge um sich greifender Oberflächlichkeit mitzuschwimmen und einer inhaltlichen Vertiefung keine Chance bieten zu wollen. Ist es im Zeitalter von Globalisierung, Digitalisierung und Pluralisierung nicht mehr möglich, sich intensiv mit einer, zumal im Fall der Expo selbst gestellten Thematik auseinanderzusetzen? Reichen heutzutage wirklich mediengerecht aufgepeppte Schlaglichter in hoher Impulsfrequenz aus, eine Thematik zu präsentieren? Wir müssen uns ernsthaft die Frage stellen, ob wir es einfach hinnehmen wollen, daß der Mensch lediglich Chemie ist oder, wie uns die aktuelle Klondebatte manchmal glaubhaft machen will, ein Haufen - pointiert formuliert - "frei manipulierbarer Biomasse" (Linus Geisler), die sich mir nichts dir nichts entschlüsseln und vervielfältigen läßt.

Gerade beim Thema Mensch treffen Geistes-, Natur- und Sozialwissenschaften aufeinander und können ihre Beiträge leisten. Sie alle arbeiten mit Menschenbildern, die es einander diskursiv gegenüberzustellen gilt. In der heutigen Wissen(schaft)sgesellschaft kommt einer umfassenden, disziplinübergreifenden Verständigung darüber, was den Menschen ausmacht, immer mehr Bedeutung zu. Letzten Endes sind es Mensch und Mitwelt, denen alle Forschungsrichtungen verpflichtet sind. Es stellt jedoch eine Verkürzung dar, vertritt man die Meinung, der Mensch fordere in einer zunehmend säkularisierten Welt nur die verschiedenen Weltwissenschaften heraus. Er fordert in gleicher Weise die Glaubenswissenschaft - die Theologie. Sofern Glaube und Theologie mit Blick auf den Menschen - und davon ist auszugehen - konstruktiv und zukunftsorientiert etwas zur Gesellschaftsgestaltung beizutragen haben, sind ihre Positionen offenzulegen. Zu fragen ist in diesem Zusammenhang zunächst einmal, wie das Verhältnis von Glaube und Vernunft zu bestimmen ist. Was letztlich ethisch erlaubt ist und was nicht, fällt eben nicht allein in die Entscheidungskompetenz der Natur- und Sozialwissenschaften, wie uns deren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oftmals glaubhaft machen wollen. Welche Überlegungen für die Zukunft der Menschheit bedeutsam sind und in welcher Hinsicht Grenzen womöglich gemeinsam gezogen werden müssen, damit Leben auf Dauer gelingen kann, ist abschließend zu vertiefen.

1.   Glaube und Vernunft: Ein konstruktives und sich ergänzendes Nebeneinander

Die Unterscheidung von Glauben und Wissen bzw. Denken ist eine der wesentlichen Leistungen abendländischer Kultur. Die Frage ihrer theoretischen und praktischen Verhältnisbestimmung gehört zu den permanenten Problemfeldern von Theologie und Philosophie. In der geistesgeschichtlichen Entwicklung Europas lassen sich vereinfacht dargestellt drei Zuordnungstypen ausmachen, die mit den Begriffen ineinander, gegeneinander und nebeneinander überschrieben werden können. Greifen Glauben und Wissen ineinander, wird früher oder später der eine Part auf den anderen reduziert, mit ihm ineins gesetzt und irgendwann zu einer Größe verschmolzen. Das Gegeneinander beider Größen bringt deren Unversöhnlichkeit zum Ausdruck. Glaube und Wissen sind dann auf verschiedenen Ebenen verortet, die nicht miteinander kompatibel sind. Das Nebeneinander versteht sich dagegen als ein konstruktives Ergänzen, wohlwissend, daß zwischen beiden eine unaufhebbare Differenz bestehen bleibt.

In der allgemeinen Diskussion wird allzu häufig insbesondere von Leuten, die der Kirche fern- oder kritisch gegenüberstehen, ein nicht ohne weiteres berechtigter Gegensatz zwischen Glauben und Wissen aufgebaut, der einer weiteren Entfremdung der Glaubenswissenschaft von den anderen Wissenschaften Vorschub leistet. Ein differenzierter Blick zeigt jedoch, daß Kirche und Theologie sehr daran liegt, Glaube und Vernunft in ein wechselseitigkonstruktives Zuordnungsverhältnis zu stellen. Glaube wird kirchlicherseits keinesfalls als die bessere Alternative zu Wissen und Vernunft interpretiert. Letzten Endes setzt der Glaube sogar Wissen voraus. Denn auch im Glauben gibt es rational einholbares Wissen, das allgemein zugänglich ist.

In der Neuzeit sind die Bemühungen unübersehbar, die Trennung zwischen Glaube und Vernunft überwinden zu wollen. Wenngleich es bislang nicht als vollständig gelungen betrachtet werden kann, beide Größen im Glaubensbegriff zu versöhnen, sind zwischenzeitlich wichtige Brücken gebaut worden. Die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Gaudium et spes hebt hervor, daß die Vernunftnatur der menschlichen Person nach dem Wahren und Guten strebt, das über alles Materielle hinausgeht. Es heißt dort:
 
     

               "In Teilnahme am Licht des göttlichen Geistes urteilt der Mensch
               richtig, daß er durch seine Vernunft die Dingwelt überragt. In
               unermüdlicher Anwendung seiner Geistesanlagen hat er im Lauf der
               Zeit die empirischen Wissenschaften, die Technik und seine geistige
               und künstlerische Bildung sehr entwickelt. In unserer Zeit aber hat er
               mit ungewöhnlichem Erfolg besonders die materielle Welt erforscht
               und sich dienstbar gemacht. Immer jedoch suchte und fand er eine
               tiefere Wahrheit. Die Vernunft ist nämlich nicht auf die bloßen
               Phänomene eingeengt, sondern vermag geistigtiefere Strukturen der
               Wirklichkeit mit wahrer Sicherheit zu erreichen, wenn sie auch infolge
               der Sünde zum Teil verdunkelt und geschwächt ist."
 
      Grundlegend vertieft wird das Verhältnis von Glaube und Vernunft in der Enzyklika Fides et ratio aus dem Jahr 1998. In ihr wird die Trennung zwischen Glaube und Vernunft als ein Drama bezeichnet, das geistesgeschichtlich weitreichende Folgen nach sich gezogen hat. Es gilt nun vielmehr die bislang erzielten Schritte der Begegnung der beiden Größen erneut zu vergegenwärtigen und vor allem die Wechselbeziehungen zwischen Theologie und Philosophie neu zu entdecken. Das Hauptziel der Theologie besteht zweifelsohne darin, das Verständnis der Offenbarung und den Glaubensinhalt darzulegen. Dabei können sich Glaube und Vernunft wechselseitig Hilfestellung geben, indem sie füreinander die Funktion kritischreinigender Prüfung übernehmen und sich gegenseitig anspornen, auf dem Weg der Wahrheitssuche voranzuschreiten.
 
                     "Die philosophische Reflexion kann viel beitragen zur Klärung
               des Verständnisses von Wahrheit und Leben, von Ereignis und lehrmäßiger
               Wahrheit. Besonders kann sie zur Klärung der Beziehung zwischen
                transzendenter Wahrheit und menschlich verständlicher Sprache
               beitragen. Die Wechselbeziehung, die zwischen den theologischen
               Fächern und den von den verschiedenen philosophischen Strömungen
               erreichten Ergebnissen entsteht, vermag also eine wirkliche
               Fruchtbarkeit zum Ausdruck zu bringen, was die Vermittlung des
               Glaubens und sein tieferes Verständnis anbelangt."
 
     

Gerade angesichts der zunehmenden Zahl ethischer Problemstellungen muß sich die theologische Disziplin christliche Ethik "einer der Wahrheit des Guten zugewandten philosophischen Ethik bedienen; einer Ethik also, die weder subjektivistisch noch utilitaristisch ist. Die erforderliche Ethik impliziert und setzt eine philosophische Anthropologie und eine Metaphysik des Guten voraus." Hinsichtlich der gesellschaftlichen Verortung ethischer Fragestellungen sind darüber hinaus Dialoge mit allen Wissenschaften erforderlich. Die Theologie ist bei der Suche nach gesellschaftspolitischen Lösungsmodellen wesentlich auf die Ergebnisse und Erkenntnisse nicht christlicher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angewiesen. Ein weiterer Knotenpunkt zwischen Glaube und Vernunft zwischen Theologie und Philosophie besteht in der Suche nach dem wahren Grund und Ziel alles Wirklichen und damit zugleich des Menschen. Biblischtheologische Überlegungen sind auch hier kompatibel mit philosophischen Einsichten über den Grund der Welt.

Letztlich geht es um die Frage, ob am Anfang der Schöpfung eine vernünftige, geistige Kraft - man könnte auch fragen, ob zu Beginn der Dinge die Vernunft bzw. das Vernünftige - steht oder nicht. Sicherlich läßt sich die These vertreten, daß das Vernünftige ein Zufallsprodukt des Unvernünftigen ist und erst im Laufe der Geschichte hervortritt. Doch die christliche Theologie stellt dieser These seit alters her die Grundüberzeugung entgegen, daß die schöpferische Kraft der Vernunft am Anfang steht und seit Beginn der Welt wirksam ist. Dadurch, daß ihr ein Primat einzuräumen ist, versteht sich das Christentum auch heute noch als vernunftgeleitete Aufklärung. Christentum und Aufklärung, Glaube und Vernunft, Glaubens- und Weltwissenschaft, so läßt sich zusammenfassen, stellen keine Widersprüche dar. Sie sind jeweils gekennzeichnet durch ein konstruktives und sich ergänzendes Nebeneinander. Es zeigt sich, daß die Theologie ohne philosophische Vermittlung vernunftmäßig nicht zugänglich ist. Insgesamt überzeugt das Christentum "durch die Verbindung des Glaubens mit der Vernunft und durch die Ausrichtung des Handelns auf die Caritas, auf die liebende Fürsorge für die Leidenden, Armen und Schwachen, über alle Standesgrenzen hinweg." Obschon die Synthese von Vernunft, Glaube und Leben in der Gegenwart an Wirkmächtigkeit verloren hat und immer wieder in Zweifel gezogen wird, bleibt sie Kernbestandteil christlicher Tradition.

2. Das personale Wesen Mensch als Urteilskriterium von erlaubt und nicht erlaubt

Wenn wir also davon ausgehen, daß die Vernunft kein Zufallsprodukt der Evolution ist, sondern am Anfang der Schöpfung steht und sich im weiteren Verlauf als ihr ständiger Begleiter erweist, dann sind Forderungen der christlichen Ethik nicht allein Glaubenspostulate. Solche Forderungen entsprechen dem, was der Mensch in der Schöpfung erkennen kann. Zugleich haben sie den Anspruch, der für den Glauben offenen Vernunft standzuhalten, was wiederum im Dialog mit den verschiedenen Disziplinen unter Beweis zu stellen ist. Die Kriteriologien von gut und böse, richtig und falsch, gerecht und ungerecht haben somit nicht nur Geltung im Rahmen christlicher Überlegungen hinsichtlich gelingenden Lebens. Was erlaubt ist und was nicht, was ethisch verantwortbar ist und was nicht, betrifft alle, die sich vernunftgeleiteter Argumentation verpflichtet wissen wollen. Die Vernunft ist daher keine Größe, die von nur einer Wissenschaft oder einer Personengruppe allein in Anspruch genommen werden kann. Sie ist Ausdruck dessen, was der Entfaltung wahren Menschseins und damit der Menschheit insgesamt dient. Als vernünftig sind dabei allerdings nicht nur diejenigen Erkenntnisse und Erfahrungen anzuerkennen, die naturwissenschaftlich beweisbar oder technologisch realisierbar sind. Insbesondere wendet sich das theologische Vernunftverständnis gegen den sogenannten Szientismus, der im 19. Jahrhundert Fuß fassen konnte und in letzter Konsequenz alle Fragen nach dem Sinn, Grund und Ziel menschlichen Lebens in den Bereich des Irrationalen verbannt hat. Die Erfolge von Naturwissenschaft und Technologie werden von der Theologie keinesfalls in Zweifel gezogen; sie werden im Gegenteil sogar ausdrücklich begrüßt. Nur dürfen sie als solche nicht absolut gesetzt werden und andere Dimensionen, wie bspw. die religiösethische vollständig verdrängen. Das Neue ist nicht unbedingt auch das Bessere und schon gar nicht das Vernünftigere - eine gegenteilige Grundhaltung kommt einem primitiven Evolutionismus gleich, der einer unreflektierten Fortschrittsgläubigkeit frönt.

Werden existentielle Sinnfragen und theoretische Grundlagenüberlegungen von vornherein ausgeblendet, verfällt der Mensch schnell in utilitaristische und pragmatische Verhaltensweisen, die allgemeinverbindlichen Wertorientierungen und handlungsleitenden Prinzipien keinerlei oder nur wenig Beachtung schenken. Das, was naturwissenschaftlich oder technisch machbar ist, ist dann zumeist auch moralisch hinnehmbar und wird nicht weiter hinterfragt. Ist der Mensch aber wirklich dazu verpflichtet, dem menschlichen Können unbedingt das Sollen folgen lassen zu müssen? Dieser sogenannte technologische Imperativ, der mit Voranschreiten der Neuzeit an Boden gewinnen konnte, hat in letzter Konsequenz einen ungezügelten Machbarkeitswahn freigesetzt, der eigentlich keine selbstbeschränkenden Grenzen mehr akzeptiert. Auch wenn die negativen Folgen technischer Errungenschaften immer offensichtlicher werden und sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine zunehmende Technikskepsis und -kritik breit gemacht hat, wird im Übergang zum dritten Jahrtausend mit dem Bedeutungsgewinn der Bio- und Gentechnologie als die Zukunftsbranchen schlechthin dem technologischen Imperativ neuer Nährboden gegeben. Die seit einigen Monaten erneut recht kontrovers geführte Debatte um das Erlaubtsein oder Nicht-Erlaubtsein des Klonens hat uns die Problematik mehr als deutlich vor Augen geführt. Pro und Kontra sind z. T. recht polemisch zur Diskussion gestellt worden. Für den Laien wird eine kompetente Urteilsfindung aufgrund der Komplexität der Materie und der wenn überhaupt nur schwer absehbaren Folgen nahezu unmöglich. Möglicherweise sind sogar in diesen Tagen Weichen gestellt worden, die die gesamte Gesellschaft grundlegend betreffen und von daher eigentlich gesamtgesellschaftlich diskutiert werden müßten und nicht nur in den beteiligten Fachgremien.

Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms Mitte diesen Jahres und die im Anschluß daran geführte Auseinandersetzung um das Klonen haben Szenarien ausgemalt, die vor Jahrzehnten noch undenkbar gewesen sind. Großbritannien und die USA präsentieren sich derzeit als die Vorreiter im Blick auf das 'therapeutische Klonen' und haben dahingehend erste rechtliche Schritte eingeleitet. Wenngleich es in der Diskussion angeblich nur um das Klonen für therapeutische Zwecke geht, ist der Schritt zum 'reproduktiven Klonen' wohl nur noch ein winziger. Die seitens unserer Bundesregierung bisher an den Tag gelegte Zurückhaltung und der sich nunmehr abzeichnende Abwägungsprozeß mit all seinen ethischen Konsequenzen scheinen mir durchaus angebracht und notwendig. Klonen: Hoffnung oder Horror? Eine Frage, die sicherlich nicht im Sinne eines Schwarz-Weiß-Schemas zu beantworten ist. Es kann daher an dieser Stelle auch nicht darum gehen, einseitig Position zu beziehen, zumal ich hierfür kein Fachmann bin. Biotechnologie und Genforschung haben unbestreitbare Erfolge erzielt, die es zu würdigen gilt und die sicherlich wichtige Erkenntnisse über den Menschen hervorgebracht haben. Nur bleibt die Frage, welche Erwartungen mit den Entwicklungen der letzten Monate geschürt worden sind. Entsteht nicht geradezu ein Zwang zur Gesundheit, der einen neuen Körperkult nach sich zieht? Darf Leben wirklich gezüchtet werden, um anderes Menschenleben künstlich zu verlängern, und danach wieder vernichtet werden? Steht die Gesundheit vor der totalen Ökonomisierung? Die Fragepalette ließe sich fortsetzen. Sicherlich bietet die Gentechnologie Kranken ungeahnte neue Chancen, die es zu nutzen gilt. Kirche und Theologie werden sich dieser Nutzung nicht versperren. Wenn die Gesellschaft jedoch Gesundheit über alles stellt und zu ihrem höchsten Gut erhebt, wächst der Druck auf die Kranken und Behinderten um ein vielfaches, die nicht an den gentechnologischen Errungenschaften partizipieren können. Diese werden dann noch stärker als bisher zu Außenseitern, die nicht gewollt sind und als Makel der Gesellschaft dastehen.

Die Klondebatte hat den Traum vom neuen Menschen erneut aufgelegt und vielleicht auch ein Stück konkreter werden lassen, sofern man einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Glauben schenken darf. Wir werden uns aber genauso vor Augen halten müssen, daß wissenschaftlicher Fortschritt und selbstproklamierte Sachzwänge schnell zum Alptraum werden können. Die Rede vom gläsernen Menschen suggeriert, daß der Mensch wirklich entschlüsselbar ist. Nur glauben wir wirklich ernsthaft, den Menschen in seiner Komplexität und Faszination als personales Wesen naturwissenschaftlich entschlüsseln zu können? Das Menschenbild, das sich hinter solch einem Wunschdenken verbirgt, ist aus meiner Perspektive mehr als fragwürdig. Das Für und Wider gen- und biotechnologischer Eingriffe in den Haushalt des Menschen ist wesentlich von dem jeweils dahinterstehenden Menschenbild abhängig. Dies scheint mir ein, wenn nicht sogar der zentrale Knotenpunkt der aktuellen Diskussion zu sein. Er wird m. E. viel zu wenig offengelegt und diskursiv mit anderen Wissenschaften reflektiert. Das Bild vom Menschen ist letztendlich auch der Grund, warum sich die Theologie als Glaubenswissenschaft in die Diskussion einbringen und ihren Standpunkt auch gegen Widerstände behauptet muß. Es geht um den Menschen als das zur Freiheit und Verantwortung bestimmte personale Wesen.
 
                     "Der Begriff der Person ist [...] die in einem einzigen Wort konzentrierte
               Zusammenfassung dessen, was die christliche Tradition über das Sein
               und die Würde des Menschen zu sagen hat, und charakterisiert das
               qualitativ Einmalige des menschlichen Lebens in seinem
               Zusammenhang mit dem Leben der Natur wie in seiner
               Unterschiedenheit von der übrigen Natur."
 
     

Theologisch gesprochen kommt dem Menschen als Ebenbild Gottes eine unveräußerliche Würde zu. Der Mensch ist sich selbst als freies Wesen aufgegeben. Diese Sicht vom Menschen widerspricht einer Determinierung menschlichen Lebens durch Medizin und Naturwissenschaft, die meinen, den Menschen in ihrem Sinne kreieren oder verbessern zu müssen. Sie signalisiert, daß sich der Mensch nicht auf seinen Körper oder sein Genom reduzieren läßt. Es ist dem Irrglauben entgegenzutreten, der Mensch werde dadurch seiner Veranwortung entbunden und in seiner Freiheit beraubt, nur weil für alles irgendwelche manipulierbaren Gene zuständig seien. Die Theologie wird immer darauf insistieren, daß der Mensch eine komplexe Einheit aus Geist, Körper und Seele ist, die nicht aufgesplittet werden kann. Nur in dieser Gesamtheit darf die menschliche Person in den Blick genommen und zum Gegenstand der Forschung werden.

Alles entscheidend für die derzeitige Debatte ist die Frage nach dem Beginn und der damit einhergehenden Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens. Wenn eine Einheit zwischen Mensch und Person behauptet werden kann - wovon die Theologie als vernunftorientierte Glaubenswissenschaft, aber nicht nur die Theologie allein, grundlegend ausgeht -, dann kommt auch demjenigen menschlichen Wesen, das die eine Person kennzeichnenden Eigenschaften aktuell nicht besitzt, die Potentialität zu, diese zu entwickeln.

Es geht somit um die Potentialität, mit anderen Worten um das reale Vermögen, personale Eigenschaften und Tätigkeiten entwickeln zu können. "In diesem Sinne bilden Ei und Samenzelle nach der Vereinigung ein neues Lebewesen, das aufgrund der ihm eigenen, im Genom kodierten Anlagen eine bestimmte Entwicklung nimmt, dem ein Sein im Modus realen Werdens zukommt." Der Schutz menschlichen Lebens muß folglich dort beginnen, wo eine totipotente Zelle mit doppeltem Chromosomensatz vorliegt. Der Embryo entwickelt sich nicht erst zum Menschen, sondern als Mensch, letzten Endes als Person von Anfang an. Die sich aus dieser Überlegung ergebenden normativen Ansprüche und weiterführenden ethischen Begründungsmodelle unterliegen nicht der Willkür des Faktischen und Machbaren. Sie können auch nicht einfach per Mehrheitsbeschluß aufgehoben werden. Theologie und auch Philosophie, die sich wertorientierten Prinzipien verpflichtet wissen, wenden sich mit ihrer Sichtweise vom Menschen vor allem gegen den Alleinvertretungsanspruch der Empiriker. Beide Geisteswissenschaften werden an ihrem prinzipienorientierten Gedanken des personalen Lebensschutzes von Anfang an festhalten und ihn beständig in die Diskussion einbringen, obgleich er in einer naturwissenschaftlichen Welt zunehmend schwer vermittelbar zu sein scheint.

3. Interdisziplinäre Ethikommissionen als unverzichtbarer Bestandteil einer umfassenden Wissenschaftsethik
Die Frage nach dem Menschen ist nicht nur für die Theologie und Philosophie zentral, sie ist es für alle Wissenschaften. Ein Verständnis, das den Menschen lediglich als Grammatik der Naturwissenschaften interpretiert, wäre einseitig und verkürzend. Was natürlich ist, also der Natur des Einzelnen entspricht, liegt keinesfalls allein in der Definitionsmacht der Naturwissenschaften. Um sich gerade in dieser Zeit über die menschliche Natur, ihren Grund und ihr Ziel verständigen zu können, scheint ein konstruktiver und beständiger Dialog zwischen Geistes- und Naturwissenschaften derzeit notwendiger denn je. Wie sich solch ein Dialog dauerhaft implementieren läßt, ist Aufgabe der Wissenschaftslandschaft. Ob Wirtschaft, Politik, Recht oder Naturwissenschaft - letztlich haben sie alle mit dem Menschen und seinen Entfaltungsmöglichkeiten zu tun und sind auf ihn und seine Umwelt auszurichten. Ethische Problemstellungen durchziehen alle Disziplinen. Besondere Aufmerksamkeit ist natürlich den Fächern zu schenken, die Versuche am Menschen direkt vornehmen, denn gerade in diesen treten ethische Implikationen besonders deutlich zu Tage.

Die Wissenschaftslandschaft hat sich in ihrer Ausdifferenzierung zwischenzeitlich zu einem eigenständigen gesellschaftlichen Teilbereich entwickelt, der für sich allein allerdings nicht konstruierbar ist. Er ist wesentlich auf Kooperationen mit anderen Gesellschaftssektoren angewiesen. Es gibt die begründete These, daß die Kooperation von Wissenschaft und Gesellschaft gerade in Deutschland nicht sonderlich ausgeprägt ist. Zweifelsohne gilt dies nicht für alle Bereiche in gleicher Weise, nur scheint mir das mögliche Potential an Zusammenarbeit bei weitem nicht ausgeschöpft. Berichte über den wissenschaftlichen Diskussionsstand in den einzelnen Fächern sowie Präsentationen von Forschungsergebnissen einer breiten Öffentlichkeit sind nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Auch werden die Fähigkeiten von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen viel zu selten außerhalb der Forschung eingesetzt, etwa in der Politikberatung oder in Parteien sowie Verbänden. Es zeigt sich, daß die Lehre gegenüber der Forschung viel zu sehr ein Schattendasein führt und daher nur wenig öffentlichkeitswirksam ist. Der wissenschaftliche Erfolg läßt sich nicht allein anhand der Publikationsanzahl in hoch anerkannten Fachzeitschriften festmachen. Hierzu zählt auch die Vermittlungsleistung insbesondere gegenüber den Studierenden, die wiederum ihr erworbenes Fachwissen nach Beendigung des Studium als Multiplikatoren in die Öffentlichkeit tragen.

Überlegungen zur wissenschaftlichen Verantwortungswahrnehmung sind bislang erfolgreich im Institut der Ethikkommission implementiert worden. Ethikkommissionen stellen wissenschaftsbegleitende Beratungsgremien dar, die aktiv auf Forschungsvorhaben und -verläufe einwirken. Leider sind Ethikkommissionen noch nicht an allen Fakultäten installiert worden, obwohl gerade die Organisationsstruktur der Universität hierfür gute Ausgangspositionen bietet. Es ist jedenfalls nicht gerechtfertigt zu meinen, Ethikkommissionen seien nur im Bereich der Medizin oder Bio- bzw. Gentechnologie anzusiedeln. Sie haben ihre Berechtigung in allen Fachdiziplinen. Ihre Aufgaben bestehen in der Projektberatung, Stellungnahmen zu Förderungsentscheidungen und in der kritischen Begleitung von Forschung und Lehre am entsprechenden Fachbereich. Ein wichtiges Anliegen sollte es sein, Studierende zur wissenschaftlichen Verantwortungsübernahme anzuleiten und interdisziplinäre Fragestellungen in den Studienverlauf als verbindliches Lehrdeputat zu integrieren. Auch sind Motivationen und Zielvorstellungen gemeinsam zu reflektieren und nötigenfalls zu korrigieren. Ethikkommissionen können, was noch zu wenig bedacht wird, einen Beitrag zur verbesserten Zusammenarbeit mit der Öffentlichkeit leisten.

Neben den vielfältigen Aufgabenfeldern, die je nach Fachdisziplin unterschiedlich gehandhabt werden können, scheint mir vor allem die Besetzung der Kommissionen von grundlegender Bedeutung zu sein. Sicherlich werden Fachkommissionen vorrangig von Fachvertretern bestimmt. Ist es hinsichtlich der Bewertung ethischer Probleme aber nicht angebracht, auch andere Disziplinen zur Sprache kommen zu lassen? Hierzu sind dann sicherlich nicht nur benachbarte Disziplinen zu zählen, sondern auch scheinbar fernstehende wie die Geisteswissenschaften. Ein Kennzeichen von Ethikkommissionen ist auf jeden Fall ihre interdisziplinäre Zusammensetzung. Ziel interdisziplinärer Kommissionsarbeit ist es, daß allen berechtigten Einwürfen und fachfremden Einwänden Beachtung geschenkt wird. Vor allem ist darauf zu achten, daß die Geisteswissenschaften nicht als Feigenblatt für fragwürdige Forschungsvorhaben verzweckt werden. Auf ihre Stimme ist genauso einzugehen wie auf die der anderen Wissenschaften. Als Geisteswissenschaft ist in diesem Zusammenhang ebenfalls die Theologie anzuführen. Sie kann speziell als christliche Ethik der Naturwissenschaft berechtigte Fingerzeige geben. Ihr kommt es darauf an, die menschliche Einheit von Körper, Geist und Seele bei den Forschungsvorhaben einzufordern und die Zielrichtung von Forschung und Lehre auf dieser Grundlage zu hinterfragen.

Die Theologie versteht sich selbst im interdisziplinären Wissenschaftsgeflecht nicht als rein doktrinärnormative Instanz, der es lediglich um das du sollst oder das du sollst nicht geht. Sie will sich als eine Wissenschaft präsentieren, die die jeweilige Forschungsidee auf die Kreatürlichkeit des Menschen angesichts seines Schöpfers befragt und in ihrer gesamtgesellschaftlichen Bedeutung bewertet. Sie ist Rede von Gott als dem Schöpfer alles Seins. Letztlich will und kann sie sich dabei nicht als fachliche Expertin etablieren, dafür ist die wissenschaftliche Landschaft zu komplex. Sie kann jedoch den argumentativen Ausgangspunkt der einzelnen Fachdisziplinen und ihr Verständnis vom Menschen zur Diskussion stellen. Ihre Aufgabe ist es dann womöglich auch, unliebsame Fragen zu stellen, wenn nötig sogar beharrlich. Denn Forschungen sind aus theologischer Sicht nur dann vertretbar, wenn der Mensch nicht instrumentalisiert wird. Das christliche Menschenbild ist zugrundezulegen, das Wertvorstellungen beinhaltet, die für die gesamte Gesellschaft bedeutsam sind. Insbesondere als Teil der pluralistischen Öffentlichkeit verfolgt die Theologie das Anliegen, den Menschen betreffende Problematiken in einen Diskurs mit der Öffentlichkeit zu überführen. Hier sieht dann auch die Kirche ihr spezielles Aufgabenfeld. Als eine wesentliche Größe der Zivilgesellschaft versucht sie, auf breiter Ebene mögliche Lösungsansätze zu diskutieren und auf das christlichen Menschenbild hin zu befragen.

Langfristig wird die Implementation interdisziplinärer Ethikkommissionen dazu führen, daß sich im Laufe der Zeit an den einzelnen Fachbereichen ethischnormative Mindeststandards herauskristallisieren werden, die es dann früher oder später in Form von Kodizes festzuhalten gilt. Solche Kodizes haben dann den Charakter von verbindlichen Selbstbeschränkungen. Sie dienen als ein zusätzlicher Schutz vor externen Eingriffen und bringen ethische Wertorientierungen zum Ausdruck. Interdisziplinär zusammengesetzte Ethikkommissionen werden sich, so die Schlußfolgerung, als ein Kernbestandteil einer umfassenden Wissenschaftsethik erweisen. Bislang ist solch eine umfassende, alle Disziplinen durchziehende Wissenschaftsethik allerdings nach wie vor ein Desiderat. Viele Fachdisziplinen weisen ethische Fragen z. T. weit von sich und verschanzen sich lieber im Elfenbeinturm ihrer Eigenlogiken. Der viel beschworene Blick über den Tellerrand wird ein wesentliches Merkmal zukünftiger Wissenschaftstätigkeit sein. Ethikkommissionen bieten eine gute Plattform, den Dialog mit anderen Positionen aufzunehmen und einzuüben. Auch für die Theologie stellen sie eine unverzichtbare Instanz dar, um sich konstruktiv einbringen zu können. Gerade als christliche Ethik gehört es zu ihrem Aufgabenfeld, interdisziplinär die Erkenntnisse anderer Wissenschaften einzubinden. Desweiteren ist es ihre Aufgabe, die Dimension des Glaubens in die Wissenschaftslandschaft einzubringen.

Glaube und Wissen/Vernunft sind kein Widerspruch. Entscheidend ist es, die Forderungen und Erkenntnisse des Glaubens rational einholbar darzulegen. Nur so können in der Wissenschaft Grenzen gezogen werden, die der von der Theologie eingeforderten Vieldimensioniertheit menschlichen Daseins dienlich sind und die Bezogenheit der menschlichen Kreatur auf den Schöpfer zum Ausdruck bringen. Der Mensch kann eben gerade nicht allein von sich selber her verstanden werden, sondern nur als Geschöpf. Festzuhalten ist nunmehr, daß eine Wissenschaftsethik unumgänglich ist. Es wird zunehmend offensichtlich, daß die rechtlichen Bestimmungen gerade im Umgang mit dem menschlichen Leben in vielerlei Hinsicht nicht ausreichen. Mögliche Ethikkodizes, die von den Ethikkommissionen diskursiv erstellt werden, bilden eine wichtige Ergänzung des bestehenden rechtlichen Instrumentariums. Eine umfassende Wissenschaftsethik wird rational begründete Fragen des Glaubens genauso wenig wie die des Risikos außen vor lassen können. Gerade in den Bereichen Bio- und Gentechnologie sind neue Formen der Technikfolgenabschätzung unausweichlich. Offenzulegen ist bei der Festlegung möglicher Verhaltensstandards vor allem der normative Ausgangspunkt bzw. das dahinter stehende Menschenbild. Menschliches Leben ist keinesfalls Dispositionsmasse eines mehr oder minder als natürlich interpretierten Forschungstriebs.

Der derzeitigen Euphorie mancher Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hinsichtlich der sogenannten Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist sicherlich nicht nur die Spitze zu nehmen. Sie ist auf den Boden umfangreicher Kenntnisse über den Menschen zurückzuführen. Was wir wirklich über den Menschen wissen, entstammt nicht nur dem Diktat der Naturwissenschaften und einem neuzeitlich verengten Vernunftverständnis. Der Suche nach der Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind alle wissenschaftlich Tätigen verpflichtet. Die Idee der Wahrheit ist als oberstes Prinzip der Wissenschaft die einende Klammer aller Disziplinen. Auch wenn man meint, die Formel des Lebens gentechnisch gefunden zu haben, die Sinnfrage menschlichen Daseins ist damit noch lange nicht entschlüsselt. Die Suche nach Grund und Ziel des Menschen wird sich zum einen in keinem genetischen Code festmachen lassen und zum anderen macht sie die Geisteswissenschaften, insbesondere die Theologie - näherhin die christliche Ethik, der es um Fragen gelingenden Lebens geht -, auch in Zukunft zu einem unverzichtbaren Dialogpartner in der Wissenschaftswelt. Insofern bereichert der Glaube den Blick auf die Wirklichkeit.