Jost Stollmann

Die Verantwortung des Einzelnen - eine Chance der Erneuerung

 

Weltweit wird die freiheitliche Demokratie zunehmend als Erfolgsmodell kollektiver Entscheidungsfindung und freiheitlich friedfertigen Zusammenlebens angenommen. Gleichzeitig löst die rapide Verbreitung des Zugangs aller Bürger zu Informations- und Vernetzungsressourcen einen tiefgreifenden Wandel in allen Gesellschaftsbereichen, so auch in unserer demokratischen Verfassungswirklichkeit, aus. Physikalisch und biologisch technische Informationsverarbeitung treiben die Explosion des Wissens, die Globalisierung und zunehmendes Vertrauen oder Abdanken an den Markt der Ideen, Systeme, Menschen, Kapital, Produkte und Dienstleistungen. Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung.

Zeiten des Umbruchs sind Zeiten von Widersprüchen. Es hat nie eine Zeit gegeben, in der einzelne Menschen soviel bewegen konnten. Jesse Ventura gewinnt aus dem Stand die Gouverneurswahlen in Minnesota. Eine internationale Expertengruppe beeinflußt über die öffentliche Meinung entscheidend die Regierungskonferenz zum Klimawechsel. Eine individuelle Initiative zur Verlegung von Landminen bewegt internationales Recht. Gleichzeitig hat es auch nie eine Zeit gegeben, in der so viele Menschen sich so ausgeliefert gegenüber einer komplexen, unverständlichen Welt fühlen, in der ihre Meinungen oder Handlungen keine Auswirkungen zu haben scheinen, in der sie ihr Schicksal vermeintlich nicht selber bauen oder zumindest wesentlich beeinflussen können.

In der gelebten Wirklichkeit haben sich demokratische Grundüberzeugungen und die repräsentative Demokratie zwar verfestigt, aber das Vertrauen und die Zufriedenheit mit den demokratischen Institutionen hat sich verflüchtigt. Die Demokratie verarmt zu Zuschauerschaft und Abstrafung bei Wahlterminen. Unzufriedenheit, Uninteressiertheit und Abwendung nehmen zu. Die erdrückende Omnipräsenz des Staates führt zu Fluchtversuchen; und das im Zeitalter der Kommunikation, der Öffentlichkeit von Haltung und Handlung! Dies zu ändern ist eine politische und gesellschaftliche Herausforderung und Führungsaufgabe. Führung mobilisiert Menschen um gemeinsame Visionen und Werte, löst die Kreativität und Energie der Menschen zur Bewältigung der Zukunftsprobleme aus.

Einfach vorzustellen sind Elemente struktureller Erneuerung: Sinkende Komplexitäts- und Koordinationskosten erlauben den lokalen, nationalen und internationalen politischen Institutionen die Effizienz und Transparenz der Ablauf- und Aufbauorganisationen und die Kommunikations- und Beteiligungsmöglichkeiten aller Agierenden und Betroffenen wesentlich zu erhöhen. Steigender Wettbewerbsdruck führt zur Verlagerung öffentlicher Tätigkeit in die Bürgernähe und zunehmend in den privaten, gewinn- oder gemeinnützig orientierten, Markt.

Schwierig vorzustellen sind die Elemente der mentalen Erneuerung: Die Sicherheit, wofür wir als Bürger stehen, gilt es zu entwickeln und das Gefühl, einen Unterschied machen zu können und zu wollen. Schließlich gebiert der Wandel ungeahnte neue Möglichkeiten der Vielfalt, der Gestaltung und des Mitwirken für den Einzelnen. Ob diese wahrgenommen werden, ist eine Frage der intellektuellen und Werteverfassung einer Gesellschaft und damit eine Frage der Erziehung.

Der Raum sicheren sozialen Lernens, die Familie, ist in Zeiten des Einzelkindes, der elterlichen Selbstverwirklichung und der Isolation in die Kleinstfamilie entfallen. Dies ist ein einzigartiges Experiment der Menschheitsgeschichte. Die Schule ist als Ort der Aneignung von Lern-, Beurteilungs- und Innovationsfähigkeit und der Entwicklung von kultureller Identität, politischer Urteilskraft und Zivilcourage bedroht. Die Alleinstellung in Unterhaltung und in Wissensbeschaffung hat die Schule an die Unterhaltungs-, Software- und Medienindustrie verloren.

Die Zukunft für Elternhaus und Schule gemeinsam muß es sein, eine offene Lerngemeinschaft zu bilden, in der junge Menschen die Kulturtechniken wie Schreiben, Lesen, Rechnen, Sprechen genauso wie Fremdsprach-, Technik- und Medienkompetenz in selbst gesteuerten, selbst motivierten, projekt- und erkundungsbasierten Lernprozessen erwerben. Die moderne interaktive Informationstechnik ermöglicht diese Umgebungen. Pilotprojekte haben die Machbarkeit und Sinnhaftigkeit der neuen Pädagogik längst nachgewiesen. Es geht darum gegenseitige Schuldzuweisungen sowie den lähmenden Stillstand in unserem gesamten Bildungswesen zu überkommen.

Medienkompetenz, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, ethisches und politisches Urteilsvermögen, Verantwortungsbereitschaft und unternehmerische Grundeinstellung entwickeln sich mit Vorbildern, Erleben, gemeinsamen Lernen und Arbeiten im familiären und schulischen Umfeld und dies in den jungen Jahren eines Menschenlebens. Diese Fähigkeiten machen zukünftige Lebenskompetenz aus.

Wir leben in der Informationsgesellschaft. Täglich überflutende Bilder, Nachrichten, Ideen, Emotionen beeinflussen unsere geistige Verfasstheit für immer; deutlich mehr als der im Schulunterricht aufgegebene Besinnungsaufsatz. Medien können Visionen, Werte und Wissen vermitteln, den gesellschaftlichen Traum oder das gemeinschaftliche Erinnern, oder Müll, Belanglosigkeit und Sensation, Erkenntnis oder Schrillheit. Qualität ist mühsam und teuer, aber sie hat einen hohen Wert. Die sittlichen, moralischen, sozialen und kulturellen Einflüsse sind enorm.

Die interaktive Multimedia-Welt und speziell das Netz der Netze "Internet" potenziert die Möglichkeiten. Sie eröffnen neue Wege der Informationsbeschaffung, des engagierten, kooperativen und sozialen Lernens, des Verständnisses und der Beurteilung zunehmend komplexer Sachverhalte und Lösungsideen, des Debattieren und Beeinflussen der politischen Meinungsbildung.

    Eine Vielfalt von Daten, Ideen und Meinungen ist abrufbar, Gruppen und Institutionen leicht vernetzbar und koordinierbar, politische Entscheidungen sofort ersichtlich und Abstimmverhalten klar erkennbar.
    Das Repräsentationsprinzip wird desintermediarisiert. Dies eröffnet den Mitgliedern sich direkt zu vertreten oder zumindest eine differenziertere Einflußnahme ihrer Vertreter zu erzwingen.
    Die schnelle Mobilisierung von Betroffenen und Organisation von politischem Begehren in elektronischen Versammlungen oder Interessengemeinschaften, um gemeinsamen Interessen und Ziele Nachdruck zu verleihen, ist für Initiative ergreifende Bürger kostengünstig möglich.
    Die Politik hat neue Möglichkeiten des schnellen Abrufens von Stimmungsbildern, wird schneller mit Kritik konfrontiert und kann in direkte Kommunikation treten.
    Der mündige Bürger hat die Möglichkeit der Verprobung von Schein und Wirklichkeit, der Unterscheidung von Journalismus, Unterhaltung und Illusion. Er hat die Möglichkeit selber für seine Ideen und Überzeugungen Öffentlichkeit zu schaffen.

Dies sind zusätzlich Möglichkeiten im Politikgeschehen. Sie werden bisher von denen wahrgenommen, die sowieso politikinteressiert und -engagiert waren. Doch das Potential des Internet ist vorhanden, auch neue Bevölkerungsschichten wieder an die Politik heranzuführen. Von Formen der "Cyber-Demokratie" zum Beispiel im kommunalen Umfeld wird man solange entfernt sein, wie die für den Zugang und die Nutzung der neuen Medien erforderliche Infrastruktur und Fähigkeiten nicht der gesamten Bevölkerung zugänglich sind.

Es ist höchste Zeit hierfür die Voraussetzungen zu schaffen und die Chancen der neuen Medien zu erarbeiten. Dazu müssen wir in Erziehung und Bildung, in neue Lernmethoden und Lerninhalte, in die neue Generation investieren.

Wir Europäer sollten an erster Stelle, die interaktiven Medien zu entwickeln, zu nutzen und zu vermarkten lernen, denn so erlangen wir nicht nur die erforderlichen Wettbewerbsvorteile in der zukünftigen globalen Wissensgesellschaft, sondern wir versichern uns unserer eigenen Identität und damit Toleranzfähigkeit in der globalen Welt von morgen. Schließlich steht das europäische Kulturerbe für Aufklärung, Schule und Allgemeinbildung, Freiheit und Demokratie, Respekt der Menschenwürde, Friedensgemeinschaft in Vielfalt, also Werten die in der Weltgemeinschaft von morgen eher an Bedeutung gewinnen werden.

Die freiheitliche Demokratie braucht zu ihrem Gelingen den freien, eigenverantworteten, politisch engagierten, sozial verpflichteten Menschen. Die über die Explosion menschlichen Wissens und technischer Errungenschaft in greifbare Nähe rückende Befreiung von den uralten Geißeln der Menschheit, Hunger, Armut und Ignoranz, läßt auf eine Zukunft hoffen, in der wir Menschen, die uns als Art allein stellenden kreativen, artistischen, emotionellen, sozialen und politischen Fähigkeiten zum Erblühen bringen. Das ist unsere Chance und Verantwortung.